Predigtworte

Predigtworte von Abt Johannes zum Gründonnerstag p.a.A – 13.04.2017

„Der Teufel hatte Judas schon ins Herz gegeben, Jesus zu verraten und auszuliefern“, so haben wir es gerade aus dem Abendmahlssaal gehört. Diese Gestalt des Judas Iskariot wird ja von den Evangelisten verschieden beleuchtet. Hier bei Johannes hat man den Eindruck, dass er eigentlich unschuldig ist, weil ihm eben der Teufel im Nacken sitzt, weil er, wie man so sagt, vom Teufel geritten wurde. Weil es gar nicht wirklich seine eigene Entscheidung war. Und Sünde ist ja erst, wo die freie Entscheidung zur Sünde vorhanden ist.
Gestern war dieselbe Szene in der Version des Evangelisten Matthäus. Jesus sagt den Jüngern, dass einer von ihnen ihn verraten wird. Und jeder einzelne von ihnen fragt nach: Bin ich es etwa, Herr? Und Judas scheint genauso unwissend und genauso bestürzt zu sein wie die anderen 11.
Also, die 12 Apostel halten sich allesamt für potenzielle Verräter. Keiner ist davon überzeugt, dass er es auf keinen Fall sein kann. Bei Petrus sieht das allerdings anders aus. Der spuckt ziemlich große Töne: Niemals lasse ich dich im Stich, nie werde ich dich verlassen. Und er kapituliert vor einfachen Dienstmägden, die ihm bestimmt nichts anhaben können – da versagt er kläglich. Keineswegs besser als Judas.
Als Jesus gefangengenommen wird, fliehen alle seine Jünger – wir haben es am Palmsonntag in der Passion wieder gehört. Keiner hält ihm die Stange.
Und an Ostern sind es die Frauen, die den Auferstandenen zuerst erkennen, keineswegs die Apostel. Die verharren in ihrem Unglauben und brauchen lange, um Ostern zu begreifen. Nicht nur Thomas, alle Mann. Und sie sollen also besser sein als Judas?

Da sprechen also die Passionserzählungen und die Osterberichte eine eindeutige Sprache. Diese 12 Pappenheimer, auf die Jesus seine Kirche gegründet hat, sind alles andere als vorbildlich und nachahmenswert. Das ist alles sehr kläglich, ganz und gar armselig. Und diesen Jungs also wäscht Jesus im Abendmahlssaal die Füße. Ich habe nicht den Eindruck, dass das so was wie die feierliche Erhebung der Apostel zu Kardinälen der heiligen römischen Kirche ist. Oder wie die Ehrung als Prälaten seiner Heiligkeit. Die Fußwaschung hat überhaupt nichts von Lobeshymne und Ehrenbezeichnung an sich. Im Gegenteil.
Fußwaschung ist eindeutig Zuwendung zu den Sündern. Jesus neigt sich herab bis auf den Boden, wo er seine armseligen Jünger antrifft, Petrus, Thomas, Judas, alle 12. Er neigt sich zu ihrer Armseligkeit herab. Zu Verrätern, Verleugnern, zu Ungläubigen neigt er sich herab. Und geht an ihren tiefsten Punkt, der Erde ganz nahe.
Das ist Gottes Liebe, seine unbedingte Treue, die bis zum Äußersten geht. Die sich total auf uns Menschen einlässt. Die sich nichts, überhaupt nicht vorbehält und sich ganz verschenkt. Keineswegs, weil die Apostel so toll sind und das verdient haben. Sondern weil sie es so bitter nötig haben.
So ist die Fußwaschung, die der Abt an den Mönchen vollzieht, Ausdruck seines priesterlichen Dienstes an seiner Gemein- schaft, in der unbedingten Nachfolge des Herrn. Aber sie ist auch Ausdruck für jeden einzelnen Mönch, dass er diesen Dienst bitter nötig hat. Im Handeln des Abtes darf er sich eingestehen, dass er ohne Gottes völlig ungeschuldete Liebe und Treue geliefert wäre, verraten und verkauft. Dass sein Leben haltlos wäre und ohne jeden Sinn. Unbedingte Ausrichtung auf Gott, der sich mir unbedingt zuwendet in all meiner Schwäche.

Und das darf jeder Glaubende sich schenken lassen, das erste Mal in dieser Feier, die an die Einsetzung der heiligen Eucharistie erinnert. Und jedes Mal, wenn wir uns um den Altar versammeln. Jeder tritt zum Altar, um die Kommunion zu empfangen – so wie er ist, in all seiner Armseligkeit und Erlösungsbedürftigkeit. Und ist hier genau an der richtigen Adresse!

fr. Johannes

© Abt Dr. Johannes G. Müller OCist
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Predigtworte von Abt Johannes zum Osterfest 2017 

„Ihr seid mit Christus auferweckt“, so haben wir eben die Zusa- ge aus dem Kolosserbrief des hl. Apostels Paulus gehört. Das ist eine christliche Binsenweisheit, möchte man sagen. Klar, das stimmt. Das glauben wir natürlich, irgendwie jedenfalls, ein bisschen doch bestimmt. Oder vielleicht doch nicht so ganz? Denn es ist schon unglaublich, was uns da zugesagt wird: Ihr seid mit Christus auferweckt.
Jedenfalls sitzt uns Menschen die Hoffnung auf Auferstehung ganz tief in den Knochen. Das gehört zu unserem Wesen dazu, dass wir uns nicht abspeisen lassen mit einem Leben, dass im Grab endet. Und darum weiß jeder Mensch zutiefst, dass es „mehr“ geben muss als alles. Dass all unser Tun und Machen nicht wirklich etwas ist, das bleibt. Dass wir Ewigkeit wollen.
Aber es ist unglaublich, dass der Tod eben nicht die Endstation unserer Sehnsucht ist. Es ist unglaublich, dass das Grab uns nicht festhalten kann. Dass wir mit Christus zum Leben berufen sind.
Maria von Magdala und Petrus, die Jesus so eng verbunden waren, können es jedenfalls erstmal nicht glauben. Mit analytischem Verstand nehmen sie eine neue Wirklichkeit wahr und dokumentieren das protokollarisch. Maria von Magdala berichtet es den Männern, Petrus überzeugt sich persönlich. Aber zum Glauben kommen sie so nicht. Magdalena wird vom Auferstandenen gefunden und erlebt Begegnung mit dem Lebendigen. Petrus ist da was hartnäckiger und braucht etwas länger, bis er glaubt.
Aber da ist Johannes, der Lieblingsjünger. Der eine ganz besondere Nähe zu Jesus hatte. Der „an seiner Seite ruhte“, wenn sie bei Tisch zusammensaßen. Das kann man sich gut vorstellen, dass da eine zärtliche, innigste Nähe war zwischen diesen beiden Männern. Und dass Johannes also ganz viel von Jesus begriffen und verstanden hat, was den anderen erstmal verborgen blieb.
Johannes, der Geliebte, wurde selbst zum Liebenden. Und der Liebende also „sah und glaubte“, als er ins leere Grab kam – so haben wir es eben im Evangelium gehört. Seine Liebe zu Jesus braucht keine Beweise, auch keine Erscheinungen. Weil sein Herz ganz nah bei Jesus ist, auch über den Tod hinaus, spürt er zuinnerst, dass der Tod sie nicht trennen konnte und dass Jesus lebendig bleibt in seinem Herzen.
„Liebe ist nicht nur Sehnsucht nach Unendlichkeit, sondern auch Ahnung von Ewigkeit“, habe ich gelesen. Liebe hofft also nicht nur, dass mit dem Tod nicht alles aus und vorbei ist. Sondern Liebe weiß schon davon, was Ewigkeit ist. Ewigkeit, die wir Menschen zutiefst ersehnen, kann nur in der Liebe wirklich werden.
Für uns heute heißt das doch: Es geht nicht darum, wissenschaftlich zu analysieren, was da wohl war, was geschehen ist damals am Ostermorgen in Jerusalem. Es geht darum, dass Christus in meinem Leben lebendig ist. Dass er auferstehen kann mitten in unserer Welt, mitten in meinem Herzen, auch mitten in all dem, was stirbt und tot ist.
Auferstehung will heute in jedem von uns Wirklichkeit werden.

fr. Johannes

© Abt Dr. Johannes G. Müller OCist
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Predigtworte von Abt Johannes zum Ostermontag 2017

Als Jesus gefangengenommen wurde, haben ihn alle seine Jünger im Stich gelassen. Sie haben ihre Beine in die Hand genommen und sind abgehauen, allesamt, um ihre Haut zu retten und ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Und Jesus war allein auf dem Kreuzweg und in seinem Sterben.
Kein Wunder also, dass dieselben Jünger auch nicht glauben konnten, dass Jesus auferstanden ist. Sie hatten weggeschaut und sich aus dem Staub gemacht, als es mit ihm und seiner Sendung zu Ende ging. Wen wundert es, dass sie auch noch blind waren, also nichts sahen und nichts begriffen, als sie die Erfahrung des Auferstandenen hätten machen können.
Und doch war die Kraft des Lebens stärker als der Tod. Irgendwann haben die Jesusjünger es begriffen, dass er lebt. Das hat seine Zeit bedauert, ganz bestimmt. Aber irgendwann sind ihnen die Augen aufgegangen, und sie haben sehen gelernt, diese Blindfische.
Es geht hier also nicht um das Hören, sondern um das Sehen. Denn den Jüngern wurde ja am Ostertag schon gesagt, dass das Grab leer ist und der Herr auferstanden sein muss – aber sie glaubt den Worten nicht, hielten es für Weibergeschwätzt oder für fake news. Die Worte haben nicht wirklich etwas bewirkt. Auch bei den Emmaus-Jüngern nicht, denen der fremde Weggefährte ja alles Mögliche erzählt über den Weg des Messias. Das kommt bei ihnen nicht an, bewegt nichts und verändert nichts. Nur schöne Worte, mehr nicht. Wirkungslos.
„Nicht beim Hören des Wortes, sondern beim Brechen des Brotes erkennen sie ihn“, sagt Papst Gregor der Große. Da gehen ihnen die Augen auf, da endlich begreifen sie.
Das ist die Erfahrung der jungen Kirche, der nachösterlichen Gemeinde der Christen: Die Eucharistie ist der Erkennungsort des Auferstandenen. Natürlich hat man von Anfang an bei der Sonntagsmesse miteinander Gottes Wort gelesen und sich darüber ausgetauscht. Aber den Christen war ganz schnell klar, dass der Mensch mehr ist als Kopf und Verstand. Dass also der Osterglaube nicht im Gehirn angesiedelt ist.
Und dass fromme Worte nicht ausreichen, um zum Glauben zu kommen. Also mein Glaube ist nicht Ergebnis meiner eigenen Reflexionen. Sondern Glaube ist zuallererst Geschenk.
Der Auferstandene selber schenkt sich der Kirche, wenn wir zusammenkommen und miteinander Eucharistie feiern. Christus selber, der erhöhte Herr, ist die Mitte seiner Gemeinde, wenn sie das Brot des Lebens bricht und verteilt. Der Auferstandene schenkt sich mir, tritt in Beziehung mit einem jeden von uns, wenn wir die Kommunion empfangen. Inmitten der Kirche wird er erfahrbar und sichtbar und essbar. Wie die Emmaus-Jünger dürfen wir ihn im gebrochenen Brot erkennen und zu uns nehmen.
So bleibt die Erfahrung von Ostern, die Begegnung mit dem Auferstandenen, nicht nur als Erinnerung an die Erfahrungen der Jünger damals erhalten. Sondern die bleibt aktuell und lebendig und eben auch für jeden von uns erfahrbar in der Eucharistie. Das Brot, das wir brechen und miteinander teilen, ist der Auferstandene selber. Höchstpersönlich. In unserer Mitte und in meinem Herzen.

fr. Johannes

© Abt Dr. Johannes G. Müller OCist