Predigtworte

Predigt von Abt Johannes am Bernhardsfest 2017

Zweifellos, der hl. Bernhard ist ein VIP, eine very important person in der Geschichte der Christenheit. So feiern wir zu seinen Ehren mit Fug und Recht ein großes Fest hier in Himmerod, seiner einzigen deutschen Gründung – auch noch 864 nach seinem Tod am heutigen Tag.

Und so ziert sein Konterfei auch die Titelseite von „Christ in der Gegenwart“ an diesem Sonntag, passend zu seinem Festtag. Da wird zur Zisterzienser-Ausstellung im Landesmuseum Bonn eingeladen, die da noch bis Anfang nächsten Jahres läuft. Und zwar mit dem Slogan „Erfolgsgeschichte Gottsuche“. Weil die Zisterzienser ab dem 11. Jahrhundert eine „faszinierende Erfolgsgeschichte“ geprägt habe.

Na ja, da könnte man direkt Einwände erheben. Denn im 11. Jahrhundert hat Citeaux nur zwei Jahre existiert, und der Anfang war alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Die ersten 15 Jahren waren recht mühsam, und Citeaux stand vor dem Aus. Im Exordium Parvum, der Erzählung vom Anfang der Zisterzienser, heißt es, dass die Mönche zwar sehr streng und vorbildlich lebten, aber damit alle abschreckten. Sie wurden zwar bewundert, aber es trat niemand ein.

Die Wende scheint tatsächlich der Eintritt des hl. Bernhard 1113 gewesen zu sein. So will es die Geschichtsschreibung des Ordens, und vermutlich stimmt es auch. 1113 gab es jedenfalls die erste Tochtergründung, und dann ging sie los, die Erfolgsgeschichte. Bernhard wurde schon zwei Jahre nach seinem Eintritt Gründerabt von Clairvaux, und dann ging es Schlag auf Schlag, jedes Jahr eine Tochter – wie in einer gut katholischen Ehe.

Das hohe Ideal der Zisterzienser, die Anfang des 12. Jahrhundert wirklich en vogue waren und der letzte Schrei in der spirituellen Szene, führte zu sehr vielen Eintritten. Schon 1134, kaum 20 Jahre nach Clairvaux, konnte Bernhard Himmerod gründen, wo sich ja dann auch eine Blühte entfaltete, die ins 13. Jahrhundert hineinreichte.

Nun hat ja der jüdisch-deutsche Religionsphilosoph Martin Buber ein Wort geprägt, das es in sich hat – und dem Denken nicht nur unserer Zeit entgegensteht: „Erfolg ist keiner der Namen Gottes“. Für geistliche Menschen heißt das, dass sie auf der Hut sein müssen, wenn sie erfolgreich sind. „Amen, ich sage euch, sie haben ihren Lohn schon erhalten“, sagt Jesus über die, die von den Menschen gelobt werden für ihre guten Taten. Das Verborgene, das Unspektakuläre mag Jesus mehr. Und geistliche Menschen machen immer wieder auch die Erfahrung, dass im Scheitern, im Misserfolg ein Segen liegen kann. Da wo niemand Beifall klatscht, sondern wo anderen mit dem Finger auf einen zeigen und einen verachten und verspotten – da spricht Jesus seine Seligpreisung.

Die Erfolgsgeschichte der Zisterzienser hatte natürlich, wie jede Medaille, eine Kehrseite. Das Ideal strenger Armut und konsequenter Bescheidenheit wurde recht schnell aufgeweicht dadurch, dass die Klöster reiche Schenkungen bekamen und dann halt eben nicht mehr zu den „Armen Christi“ gehörten, als die sie sich anfangs gern bezeichneten. Und die Sehnsucht nach der Wüste, nach Weltabgeschiedenheit und echter Verborgenheit, stand jedenfalls im Leben des hl. Bernhard in eklatantem Konflikt zu seinem Engagement in Politik und Kirche. Da hat dann die Erfolgsgeschichte einen hohen Preis, wenn ich zwar viel Besitz und viel Einfluss und Macht habe, aber vielleicht mein eigentliches Ideal dafür opfern muss.

Ich bin mir bewusst, dass ich in meinem Kloster hier durchaus mittelständisch lebe und viele Ansprüche habe, die sozusagen selbstverständlich erfüllt werden müssen. Kapitalismuskritik geschieht da immer auf hohem Niveau, wenn man es hier in Deutschland macht und dabei seine persönlichen Schäfchen im Trockenen hat. Aber ich glaube einfach nicht, dass es stimmt, was man uns weismachen will: dass Erfolg und Besitz glücklich machen. Ich will nicht glauben, dass mein Leben nur dann wertvoll und sinnvoll ist, wenn andere mir dafür Beifall spenden. Nein, ich will mich nicht abhängig machen von Anerkennung und Prestige. Und ich spüre, dass ich damit gar nicht so weit weg bin von dem, was die Gründer unseres Ordens damals vor über 900 Jahren motiviert haben muss.

Heute leben wir hier in Himmerod in einem Gebäude, das für die zwanzigfache Größe des Konvents geplant war. Wir haben keine Leute mehr, die in den Betrieben arbeiten könnten, und sind immer mehr auf Angestellte angewiesen. Wir leben also ganz eindeutig über unsere Verhältnisse.

Ich träume von einer Rückkehr zu den Quellen. Ob ich in Holzhütten leben könnte, wage ich zu bezweifeln, und mein Rücken würde jedenfalls streiken, wenn ich auf dem nackten Boden schlafen müsste. Also, ich wäre sicher viel zu schwach, um ein solches Ideal zu leben. Aber ich träume trotzdem davon. Weil es mir gut täte, ganz einfach zu werden und ohne all die Dinge, die ich für lebensnotwendig halte. Weil es gut wäre, wesentlich zu werden.

Die Erfahrung, dass es nicht weiter geht, ist erstmal schmerzlich. Weil sie nach Scheitern schmeckt – und wir wollen doch erfolgreich sein. Jesus sagt dem reichen Jüngling, der sich danach sehnt, wesentlich zu leben, dass er alles loslassen soll. Ganz arm werden, um sich mit leeren Händen auf Gottes Führung einlassen zu können, um sich von Gottes Reichtum beschenken lassen zu können. Der reiche Jüngling schafft das nicht, traut es sich nicht, und geht traurig weg. Das Loslassen seines Besitzstandes als Chance für neues Leben zu begreifen – gar nicht so leicht. Aber auch gar nicht so schlecht.

Predigt von Abt Johannes beim Begräbnis von Br. Michael am 18. Juli 2017

Sterben hat immer was mit Loslassen zu tun. Das habe ich wieder ganz stark erleben dürfen, als ich am vergangenen Freitag an Bruder Michaels Bett saß. Zwei Tage war er nochmal im Krankenhaus, und da hatte er mit Atemnot zu kämpfen. Das wurde am Freitagmorgen eher noch schlimmer. Aber auf einmal atmete er ganz ruhig, immer ruhiger, entspannte sich zusehends – bis er dann aufhörte zu atmen. Den Atem losließ und aushauchte.

Mein Eindruck war, dass das vergangene, also letzte Jahr im Leben unseres Mitbruders eine wichtige Lernzeit für ihn war. Nämlich das Loslassen einzuüben. Und es ist ihm ganz bestimmt nicht leicht gefallen. Aber ich habe ihn da nochmal reifen gesehen in seinem hohen Alter. – Für mich als sein Oberer war dieses Jahr auch insofern eine neue Erfahrung mit ihm, weil ich immer wusste, wo er war und dass er gut versorgt war. Vorher konnte es durchaus passieren, dass er einfach weg war – ein Ausflug, Ferien oder Krankenhaus, von dem der Abt nichts wusste. Also ein gutes Jahr: Ich brauchte mich gar nicht mehr über ihn zu ärgern.

Bruder Michael war seine Autonomie ja sehr wichtig. Womit er in Himmerod jetzt nicht gerade aufgefallen ist – das ist hier nicht untypisch. Er hatte seine eigenen Lebensbereiche, seinen Garten, sein Gartenhaus, seine eigene Küche, alles voller Dinge, die die Welt nicht braucht – jedenfalls nicht in dreifacher Ausführung. Er hatte sein Moped, mit dem er sonntags über Land fuhr. Und all das musste er letztes Jahr hinter sich lassen.

Davor hat er schon noch mit Selbstdisziplin dafür gesorgt, dass es noch geht. Trotz offener Füße und zwei Krücken hat er weiterhin im Garten geschafft, kam über extrem steile Treppen noch in seine Keller-Küche und bekochte sich selber – mit eisernem Willen und schlesischem Dickschädel ist so manches möglich, wo man sich nur wundert.

Aber nach der Darmoperation ging es einfach nicht mehr. Er kam nicht wieder zu Kräften, schaffte es nicht mehr ohne Hilfe. Und das war ganz bestimmt eine sehr bittere Pille für Bruder Michael: einzusehen, dass er auf Hilfe angewiesen ist.

Wie es so seine Art war, hat er Dinge nie so direkt angesprochen, eher um die Ecke, mehr als Andeutung denn als klaren Wunsch. Da sagte er mir mal letzten Sommer: Ist ja schon schön im Altenheim, dass man nur klingeln muss, dann kommt jemand und hilft. Ich habe es ihm da natürlich leicht gemacht, denn darauf hatte ich gewartet: dass er selber einsieht, dass es im Kloster nicht mehr geht.

In Manderscheid setzte sich der Prozess des Schwächerwerdens weiter fort, und irgendwann musste er für alles um Hilfe bitten – das war schon hart. Mehrmals beschwerte er sich bei mir, dass er so lange warten muss, bis jemand kommt. Vor ein paar Wochen hatte ich mit ihm ein Gespräch darüber, dass mir gezeigt hat, wie sehr er nochmal gereift war. Das war nach dem Tod von Abt Bruno. Ob er nicht in das Heim wechseln könnte, wo Abt Bruno war. Weil das hier nicht so klappte, wie er sich das vorstellt. „Oder meinen Sie, dass das vielleicht auch an mir liegen könnte?“ Ich habe dann gesagt, dass ich wirklich nicht mit ihm tauschen möchte und es ein schweres Kreuz ist, wenn man nicht mal mehr alleine aufs Klo gehen kann. Aber dass das natürlich in einem anderen Heim genauso ist und die Schwestern nichts dafür können. Dass sie ihn alle sehr schätzen und er es ihnen nicht zu schwer machen soll.

Diese Autonomie, die Bruder Michael immer mehr aufgeben musste, hat ihn ja in jeder Hinsicht geprägt. Ich glaube, er hat sich niemals normieren lassen. Hat nie in ein Schema gepasst. War immer ein Original. Und das haben viele Menschen an ihm gemocht und geschätzt. Seine tiefe Frömmigkeit, die keineswegs nach Schema F ablief und die er mit großen Authentizität ausstrahlte, hat mich immer tief berührt. Im Sarg hat er natürlich seinen Rosenkranz. Und wenn der mal im Bett nicht aufzufinden war, war Holland in Not. Einmal im Krankenhaus musste ich ihm meinen Rosenkranz geben, damit er sich daran festhalten konnte – ohne ging auf keinen Fall.

Auch Bruder Michaels Fleiß, sein Arbeitseifer, war wirklich vorbildlich. Manchmal war es wiegesagt schon erstaunlich, wie er es hinbekam, mit zwei Krücken noch im Garten zu schaffen. Aber er hätte niemals freiwillig die Hände in den Schoß gelegt. Arbeit als wirkliche Säule des monastischen Lebens neben dem Gebet – da ist er ein vorbildlicher Laienbruder geblieben, tief geprägt von dieser Berufung, die ihn 1956 nach Himmerod geführt hatte.

Bruder Michael war allerdings auch immer ein großer Liebhaber der Liturgie – was ja zur Zeit seines Eintritts noch das Metier der Patres war. Welche Kompetenz da in ihm schlummerte, haben die Patres vielleicht auch lange nicht wahrgenommen. Erst vor gut 10 Jahren durfte er Vorsängerdienste beim Chorgebet der Gemeinschaft übernehmen, denn die neuen Leute merkten es gleich, dass er die beste Stimme im Chor war. Ein Gast hat das noch in Erinnerung und hat dazu ein Gedicht geschrieben, mit dem ich gleich abschließen möchte.

Über 60 Jahre hat Bruder Michael hier gelebt und ein neues Zuhause gefunden, eine Heimat für sein Leben – die eigene Heimat hatte er ja mit seiner Familie bei der Vertreibung aus der Grafschaft Glatz verloren. Im Oktober wären es 60 Jahre seit seiner Profess. So ist er ein echter Himmeroder geworden und hat diesen Ort tief geprägt. Manche Eigenwilligkeiten waren zweifellos seinen Erfahrungen in dieser Gemeinschaft geschuldet, und ich verstehe manches immer besser. Aber er hat sich nie aufhalten lassen von irgendwelchen Umständen und Widrigkeiten, um seinen Weg zu gehen. Und das war der Weg in den Fußspuren des Herrn, der ihn gerufen hatte und dem er gefolgt ist. Mit allen Kräften, mit Herz und Hand, in Gebet und Arbeit hat Bruder Michael seine Liebe Christus geschenkt. Diese tiefe Verbundenheit mit dem Herrn durfte jeder spüren, der ihm begegnet ist.

Bruder Michael gefiel eine Stelle bei einem Kirchenvater, wo der sich darüber mokiert, dass es Christen gibt, die beim Tod eines geliebten Menschen in tiefer Trauer und Verzweiflung versinken. Trauerkleidung fand er für Christen unangemessen. Weil wir doch nicht traurig zu sein brauchen. Denn natürlich war er tief davon überzeugt, dass der Tod uns doch nur Gott näher bringen kann.

Dieser feste Glaube hat Bruder Michaels Leben tief geprägt. Und darum feiern wir im Licht der Osterkerze Eucharistie für ihn, bevor wir seinen Leib auf unserem Klosterfriedhof beisetzen. Wir preisen den Todesüberwinder, der uns Leben schenkt. Im Paradiesgarten natürlich, wo Br. Michael zweifellos schon am werkeln ist. Beim himmlischen Hochzeitsmahl, wo er für gute Speisen sorgt. Leben in Fülle!

Bruder Michael
Habe deine Schlichtheit bewundert,
immer ein Lächeln in den Augen,
immer bereit für ein Gespräch.
Du hast meiner Seele gut getan,
weil du ehrlich warst,
offen und direkt.
Die Marien-Litanei hast du mit
Inbrunst vorgetragen,
man spürte, daß du mit den Heiligen
verbunden warst und sie mit dir.
Warst Zeugnis für ein Leben danach,
mit großer Seelenkraft.
Ja, unsere Welt voller Krieg
und Diktatoren
braucht Menschen, wie dich,
die ein Herz haben für den Nächsten,
ehrlich und offen.
Ich bete für dich und danke dir,
daß ich dich kennenlernen durfte,
bescheiden, wie der heilige David,
klein, aber in deiner Ausstrahlung sehr groß.
(Thomas Kemper)

Predigt von Abt Johannes bei seinem 25. Weihejubiläum an Christi Himmelfahrt 2017

Jeder von uns hat schon Menschen durch den Tod verloren, die ihm wichtig waren und die er geliebt. Von meinen Cousinen und Cousins, die heute bei uns sind, hat keiner mehr beide Elternteile; so verbindet uns auch die gemeinsame Erfahrung von Beerdigungen und vom Schmerz des Abschieds.

Was bleibt, wenn ein uns lieber Mensch stirbt? Zuerst einmal Trauer, später wird daraus Dankbarkeit in der Erinnerung an ihn. Der Verstorbene lebt in den Herzen weiter, die ihn geliebt haben, bleibt unvergesslich für sie.

So ähnlich muss das auch mit den Jesusjüngern gewesen sein. Sie haben Jesus am Kreuz sterben sehen, das war für sie unerträglich, für die meisten zum Weglaufen im wahrsten Sinne des Wortes. Der Himmelfahrtstag, den wir heute liturgisch feiern, hat so was von endgültigem Abschied, von einer feierlichen Verabschiedung, von Beerdigung sozusagen. Auf nimmer Wiedersehen. Jedenfalls nicht in diesem Leben.

Was bleibt von Jesus über seinen Tod hinaus? Lebt er nur in der Erinnerung seiner Jünger weiter? Dann wäre er spätestens dann wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt – das kann es doch nicht sein. Weder bei ihm noch bei unseren lieben Verstorbenen.

Ich glaube vielmehr, dass Auferstehung, die wir an Ostern gefeiert haben und die natürlich auch Inhalt und Festgeheimnis von Christi Himmelfahrt ist, mehr ist als nur Erinnerung an Vergangenes. Ich bin davon überzeugt, dass Jesus Christus lebendig in meinem Leben gegenwärtig ist, und dass er lebendig in unserer Mitte ist, wenn wir uns als seine Kirche in seinem Namen versammeln. Ja, das weiß ich ganz sicher, dass er in der Eucharistie anwesend ist, dass der auferstandene Herr gegenwärtig ist in den Zeichen von Brot und Wein inmitten seiner Kirche. Und daraus lebe ich zutiefst! Und ehrlichgesagt schmerzt es mich auch immer wieder, wenn ich sehe, dass für immer mehr getaufte Christen die Feier der Eucharistie unbedeutend ist, bedeutungslos.

Wenn ich auf meinen persönlichen Weg schaue: Ich habe ja noch so den letzten Rest von katholischem Milieu erlebt als Kind. Das Eis war sicher schon ziemlich dünn damals, denn es ist ja jetzt nicht so, dass meine ganze Familie da in gleicher Weise Fuß gefasst hat. Aber für mich war es so, dass ich da einfach hineingewachsen bin, geführt durch das Vorbild der Eltern, die jeden Sonntag in die Kirche gingen, ganz selbstverständlich und ohne das je in Frage zu stellen. Als Messdiener habe ich mich dann später selber engagiert, vor allem die Liturgie lieben gelernt bei der Feier der hl. Messe.

Als meine Berufung klar wurde, also dass ich ins Kloster gehen möchte, so mit 16 oder 17, bin ich jeden Tag zur Messe gegangen. Immer darauf bedacht, dass es keiner mitkriegt. Morgens vor der Schule meistens. – Und seitdem gibt es keinen Tag mehr, an dem ich nicht in der Messe war. Auch bei der Urlaubsplanung war das immer mein wichtigstes Anliegen. Seit 35 Jahren.

Manchmal war es nicht so leicht, das hinzukriegen. Von daher war es ein ganz wichtiger Punkt für mich persönlich, als ich gestern vor 25 Jahren Priester wurde, dass ich endlich nicht mehr abhängig bin von anderen Priestern und nicht mehr hinter der Messe herlaufen muss, sondern sie selber feiern darf.

Mein Übertritt von den Oblaten zu den Zisterziensern anderthalb Jahre nach der Priesterweihe ist ganz wesentlich hierin begründet. Nach meiner Priesterweihe hatte ich keine Aufgabe, die mit der regelmäßigen Feier der Messe verbunden war, so dass ich in Mülheim tatsächlich oft alleine zelebriert habe – und zwar „heimlich“, also das durfte keiner der Mitbrüder wissen, das wäre ganz peinlich gewesen. Und da habe ich für mich gesehen, dass das, was mir in meiner Frömmigkeit am wichtigsten ist, nicht heimlich und sozusagen verboten geschehen darf, sondern in die Mitte gehört. Und das war tatsächlich wunderbar, als ich Zisterzienser wurde, dass die Feier der Messe immer, jeden Tag ganz klar im Mittelpunkt des Tages stand und ich das also leben durfte, was mir so wichtig geworden war. Dafür habe ich im zwischenmenschlichen Bereich viel aufgegeben und wenig wiedergefunden – aber ich glaube, das war es wert.

Wenn ich heute nach vorne schaue: Ich war ja 9 Jahre lang Pfarrer und helfe weiterhin gerne in umliegenden Pfarreien, aus denen ja auch manche Messdiener hergekommen sind und mein Chef Pastor Bender. Da geschehen massive Abbrüche in dem, was in meiner Kindheit noch funktioniert hat. Da könnte es sein, dass ich irgendwann alleine am Altar stehe. Ich würde trotzdem zelebrieren, das kriege ich hin, kenne ich ja wiegesagt schon aus den Anfangszeiten meines Priesterseins. Aber das muss nicht sein.

Mein Traum ist unser Kloster Himmerod als Ort, an dem Christus in der Mitte steht, um den wir uns jeden Tag versammeln zur Feier der hl. Messe. Offen für Menschen, die daran teilnehmen und dabei sein möchten. Dafür möchte ich einstehen. Anders allerdings kann ich mir Kloster nicht vorstellen.

Da ist das Ideal der Urgemeinde von Jerusalem, das immer schon Maßstab für das klösterliche Leben war und die frühen Zisterzienser stark inspiriert hat – im 2. Kapitel der Apostelgeschichte ist davon die Rede, direkt nach Himmelfahrt und Geistsendung an Pfingsten, also ganz am Anfang der Kirche. Die ersten Christen bildeten eine Gemeinschaft, heißt es da. Also nicht „jeder für sich und Gott für uns alle“, sondern eine echte, tiefe Verbundenheit untereinander. Sogar was den Besitz anging: Gütergemeinschaft also. Und da sind bestimmt nicht nur materielle Dinge gemeint – ich bezeichne das gern als „Leben teilen“ als Auftrag an uns im monastischen Leben. Von Einmütigkeit ist da die Rede, und die drückte sich vor allem beim Gottesdienst aus. Sie brachen miteinander das Brot, feierten das Herrenmahl in Freude und Einfalt des Herzens. Und das hatte Effekt, das war ein echtes Erfolgsrezept: „Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.“

Ja, dafür lohnt es sich, für eine solche Kirche und ein solches Kloster glaube ich, dass es Zukunft hat. Dafür möchte ich einstehen.

Predigtworte von Abt Johannes beim Sterbeamt für Altabt Bruno Fromme am 11. Mai 2017

Der Abschied von einem Menschen, der in unserem Leben bedeutsam geworden ist, lässt einen jeden von uns innehalten. Da geht es nicht einfach weiter im Text, sondern wir halten Rückschau auf sein Leben – und auf die Momente, wo er unser eigenes Leben berührt und geprägt hat. So geht es einem jeden von uns heute, wo wir miteinander Abschied nehmen von Abt Bruno, jedem anders, jedem auf seine Weise.

Ich habe in diesen Tagen des Abschieds nachgedacht über sein Leben hier in Himmerod, das mit der Geschichte dieses Klosters und seiner Entwicklung in nahezu 60 Jahren eng verbunden war.

Als Elmar Fromme 21jährig im Sommer 1959 in Himmerod eintrat, fand er noch einen starken Konvent vor – das muss beeindruckend gewesen sein. Aber ich möchte annehmen, dass diese Männer in Trauer waren. In Schockstarre sozusagen. Denn ein halbes Jahr vorher war Abt Vitus Recke gestorben, und dieser plötzliche Tod muss wie eine Bombe bei ihnen eingeschlagen haben. Und wo eine Bombe einschlägt, da wird die Mitte zerstört und alles fliegt auseinander. So schnell wird das nicht gegangen sein, aber ich bin tatsächlich der Überzeugung, dass mit dem Tod von Abt Vitus dieser Gemeinschaft die Mitte verloren gegangen ist und zentrifugale Kräfte stark wurden.

Abt Vitus hatte zum Gründungskonvent gehört, der 1919 die Ruine Himmerod kaufte und wieder mit zisterziensischem Leben erfüllte. Als der Konventbau wiedererrichtet wurde, war P. Vitus Prior von Abt Karl, er führte die stark gewachsene Gemeinschaft durch den Krieg und baute die Abteikirche wieder auf. Ein Pionier, ein echter Trappist, der diesen Konvent tief geprägt hat. Ich durfte noch einige Mitbrüder kennenlernen, die bei ihm in die Schule gegangen waren: P. Bernhard, P. Ludger, P. Pius. Br. Michael ist der letzte von ihnen, der noch da ist. Das muss wirklich ein guter Geist gewesen sein! Nach seinem Tod muss da eine große Leere entstanden sein, auf die jeder auf seine Weise reagiert haben wird.

In den 60er Jahren sind mehrere Patres ausgetreten oder aus dem Kloster ausgezogen, weil es für sie hier nicht mehr ging. Frater Bruno machte das Noviziat und setzte dann in Beuron seine Studien fort. So richtig wird ihm die Situation erst nach der Priesterweihe bewusst geworden sein, denn da war es für die beiden jungen Patres Bruno und Stephan schwer, hier ein Wirkungsfeld zu finden. P. Stephan hat damals ein eigenes Wirkungsfeld im Gästehaus entwickelt und hat Himmerod stark geöffnet, tausende von Menschen hat er im Lauf der Jahrzehnte hergezogen. Öffnung nach außen, seitdem nicht mehr wegzudenken für Himmerod. Aber die gemeinsame Mitte scheint man dadurch nicht wiedergefunden zu haben.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass der Hilferuf aus Brasilien da Musik in P. Brunos Ohren war. Und tatsächlich bewies sich ja, dass es richtig war, dass sich für ihn darin Gottes Willen zeigte. Denn in Itatinga konnte der junge Pater seine Begabungen und Fähigkeiten fruchtbar werden lassen für die Menschen seiner Pfarrei. Kein Wunder, dass diese 20 Jahre sehr glückliche Jahre für ihn waren.

Dennoch gehörte er ja weiterhin zum Konvent von Himmerod, und auch hier musste es weitergehen. Nach der Resignation von Abt Ambrosius wurde P. Bruno zu dessen Nachfolger gewählt. Vielleicht ist die äbtliche Würde erstmal recht verführerisch für den einen oder anderen. Aber spätestens wenn man in der Realität angekommen ist, verfliegt das manchmal sehr schnell.

Wenn es stimmt, dass die zentrifugalen Kräfte dieser Gemeinschaft bereits mehr als 30 Jahre wirksam waren, als Abt Bruno sein Amt antrat, dann hätte es schon einer starken und charismatischen Kraft bedurft, um die zerstreuten Schafe zu sammeln. Das ist leichter gesagt als getan – davon kann ich ein Lied singen. Aber gegen Windmühlen anzukämpfen ist auch nicht wirklich sinnvoll. Und die eigenen Erfahrungen können einen misstrauisch werden lassen, das führt dann Menschen nicht gerade zueinander.

Kräfte sinnlos zu verpulvern, das sollte man nicht tun, dafür ist das Leben zu kostbar. Sondern erkennen, was weiterführt. Abt Bruno war nicht ohne Grund in Himmerod eingetreten, und er war bestimmt auch bewusst und gerne nach Himmerod zurückgekehrt.

Denn dass dies in wunderbarer Ort ist, da sind wir uns wohl alle einig. Ein Ort, der das jahrhundertelange geistliche Leben der Zisterzienser in seinen Mauern stecken hat, der eine wahnsinnige Ausstrahlung hat, der Menschen einfach anzieht. Und einen solchen Ort gilt es zu erhalten, zu stärken, innen und außen. Und wenn es innen nicht klappt, dann kann es auch Sinn machen, das Äußere zu stärken. Weil es ja auch da um viele Menschen geht, die gerne herkommen und an Himmerod hängen. „Mein Herz schlägt für Himmerod“ – das haben ja immer wieder ganz viele Menschen bewiesen.

Abt Bruno hat so manche Initiative angestoßen. Die alte Mühle wurde unter seiner Regie zu einem wunderschönen Ort der Kultur und Kunst und zu einer Begegnungsstätte. Das Klosterareal wurde einladend neugestaltet, die Gaststätte wurde ausgebaut und renoviert, Parkplätze entstanden – alles Symbole, dass Abt Bruno ein offenes Kloster wollte, wo Menschen herkommen und sich wohl fühlen. Seine Leidenschaft galt der Kunst und der Geschichte, er mochte es wissenschaftlich und hat wertvolle Arbeit für die Erforschung der Geschichte Himmerods geleistet. Auch die weniger erfolgreichen wirtschaftlichen Aktivitäten gegen Ende seines Abbatiats waren zweifellos dem Versuch geschuldet, die Zukunft Himmerods zu sichern und auf gute ökonomische Füße zu stellen.

Was zählt am Ende, was bleibt über den Tod hinaus? Tatsächlich hat Abt Bruno in Himmerod tiefe Spuren eingezeichnet. Nach wie vor ist unser Kloster hoch geschätzt in Nah und Fern. Ganz viele Menschen wollen, dass es unbedingt weitergeht an diesem Ort. Das ist durchaus eine Frucht seines 20jährigen Abbatiats.

„Erfolg ist keiner der Namen Gottes“, so hat es der jüdische Philosoph Martin Buber gesagt. Der Wert unseres Lebens ist nicht an Erfolgszahlen abzulesen. Und tatsächlich steht unser Konvent schlechter da denn je: wir sind jetzt, nach Abt Brunos Tod, nur noch sechs feierliche Professen – heute ist Br. Michael erfreulicherweise ausnahmsweise unter uns, sonst ja im Pflegeheim. Die Mönche wieder um eine gemeinsame Mitte zu sammeln, ist keine leichte Aufgabe. Mir gelingt sie nicht, keineswegs. Abt Bruno wird das für sich nicht viel anders gesehen haben.

Da bleibt also am Ende der Ausblick nach vorne, der nur dann ein christlicher Blick ist, wenn er hoffnungsvoll ist. Weil er alles von Gott erwartet.

In den Erzählungen der Chassidim erzählt Martin Buber von Rabbi Jizchak: „Wenn einer Vorsteher wird, müssen alle nötigen Dingen dasein, ein Lehrhaus und Zimmer und Tisch und Stühle, und einer wird Verwalter, und einer wird Diener und so fort. Und dann kommt der böse Widersacher und reißt das innerste Pünktchen heraus, aber alles andere bleibt wie zuvor, und das Rad dreht sich weiter, nur das innerste Pünktchen fehlt.“ Der Rabbi hob die Stimme: „Aber Gott helfe uns: man darf´s nicht geschehen lassen!“

Die Mitte, das innerste Pünktchen, um das sich das Leben einer Klostergemeinschaft drehen muss, kann nur „Jesus Christus“ heißen. Nur um ihn darf sich mein Leben als Mönch drehen, sonst ist es lächerlich. Nur Er, Jesus Christus, kann unserem Leben, auch unserem Dasein als klösterlicher Gemeinschaft, Zukunft schenken. Nur er kann meine Zukunft sein, die über den Tod hinausreicht.

Möge Abt Bruno uns mit seiner Fürbitte helfen, uns um diese Mitte zu sammeln.

© Abt Dr. Johannes G. Müller OCist