Predigtworte

Predigt von Abt Johannes bei seinem 25. Weihejubiläum an Christi Himmelfahrt 2017

Jeder von uns hat schon Menschen durch den Tod verloren, die ihm wichtig waren und die er geliebt. Von meinen Cousinen und Cousins, die heute bei uns sind, hat keiner mehr beide Elternteile; so verbindet uns auch die gemeinsame Erfahrung von Beerdigungen und vom Schmerz des Abschieds.

Was bleibt, wenn ein uns lieber Mensch stirbt? Zuerst einmal Trauer, später wird daraus Dankbarkeit in der Erinnerung an ihn. Der Verstorbene lebt in den Herzen weiter, die ihn geliebt haben, bleibt unvergesslich für sie.

So ähnlich muss das auch mit den Jesusjüngern gewesen sein. Sie haben Jesus am Kreuz sterben sehen, das war für sie unerträglich, für die meisten zum Weglaufen im wahrsten Sinne des Wortes. Der Himmelfahrtstag, den wir heute liturgisch feiern, hat so was von endgültigem Abschied, von einer feierlichen Verabschiedung, von Beerdigung sozusagen. Auf nimmer Wiedersehen. Jedenfalls nicht in diesem Leben.

Was bleibt von Jesus über seinen Tod hinaus? Lebt er nur in der Erinnerung seiner Jünger weiter? Dann wäre er spätestens dann wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt – das kann es doch nicht sein. Weder bei ihm noch bei unseren lieben Verstorbenen.

Ich glaube vielmehr, dass Auferstehung, die wir an Ostern gefeiert haben und die natürlich auch Inhalt und Festgeheimnis von Christi Himmelfahrt ist, mehr ist als nur Erinnerung an Vergangenes. Ich bin davon überzeugt, dass Jesus Christus lebendig in meinem Leben gegenwärtig ist, und dass er lebendig in unserer Mitte ist, wenn wir uns als seine Kirche in seinem Namen versammeln. Ja, das weiß ich ganz sicher, dass er in der Eucharistie anwesend ist, dass der auferstandene Herr gegenwärtig ist in den Zeichen von Brot und Wein inmitten seiner Kirche. Und daraus lebe ich zutiefst! Und ehrlichgesagt schmerzt es mich auch immer wieder, wenn ich sehe, dass für immer mehr getaufte Christen die Feier der Eucharistie unbedeutend ist, bedeutungslos.

Wenn ich auf meinen persönlichen Weg schaue: Ich habe ja noch so den letzten Rest von katholischem Milieu erlebt als Kind. Das Eis war sicher schon ziemlich dünn damals, denn es ist ja jetzt nicht so, dass meine ganze Familie da in gleicher Weise Fuß gefasst hat. Aber für mich war es so, dass ich da einfach hineingewachsen bin, geführt durch das Vorbild der Eltern, die jeden Sonntag in die Kirche gingen, ganz selbstverständlich und ohne das je in Frage zu stellen. Als Messdiener habe ich mich dann später selber engagiert, vor allem die Liturgie lieben gelernt bei der Feier der hl. Messe.

Als meine Berufung klar wurde, also dass ich ins Kloster gehen möchte, so mit 16 oder 17, bin ich jeden Tag zur Messe gegangen. Immer darauf bedacht, dass es keiner mitkriegt. Morgens vor der Schule meistens. – Und seitdem gibt es keinen Tag mehr, an dem ich nicht in der Messe war. Auch bei der Urlaubsplanung war das immer mein wichtigstes Anliegen. Seit 35 Jahren.

Manchmal war es nicht so leicht, das hinzukriegen. Von daher war es ein ganz wichtiger Punkt für mich persönlich, als ich gestern vor 25 Jahren Priester wurde, dass ich endlich nicht mehr abhängig bin von anderen Priestern und nicht mehr hinter der Messe herlaufen muss, sondern sie selber feiern darf.

Mein Übertritt von den Oblaten zu den Zisterziensern anderthalb Jahre nach der Priesterweihe ist ganz wesentlich hierin begründet. Nach meiner Priesterweihe hatte ich keine Aufgabe, die mit der regelmäßigen Feier der Messe verbunden war, so dass ich in Mülheim tatsächlich oft alleine zelebriert habe – und zwar „heimlich“, also das durfte keiner der Mitbrüder wissen, das wäre ganz peinlich gewesen. Und da habe ich für mich gesehen, dass das, was mir in meiner Frömmigkeit am wichtigsten ist, nicht heimlich und sozusagen verboten geschehen darf, sondern in die Mitte gehört. Und das war tatsächlich wunderbar, als ich Zisterzienser wurde, dass die Feier der Messe immer, jeden Tag ganz klar im Mittelpunkt des Tages stand und ich das also leben durfte, was mir so wichtig geworden war. Dafür habe ich im zwischenmenschlichen Bereich viel aufgegeben und wenig wiedergefunden – aber ich glaube, das war es wert.

Wenn ich heute nach vorne schaue: Ich war ja 9 Jahre lang Pfarrer und helfe weiterhin gerne in umliegenden Pfarreien, aus denen ja auch manche Messdiener hergekommen sind und mein Chef Pastor Bender. Da geschehen massive Abbrüche in dem, was in meiner Kindheit noch funktioniert hat. Da könnte es sein, dass ich irgendwann alleine am Altar stehe. Ich würde trotzdem zelebrieren, das kriege ich hin, kenne ich ja wiegesagt schon aus den Anfangszeiten meines Priesterseins. Aber das muss nicht sein.

Mein Traum ist unser Kloster Himmerod als Ort, an dem Christus in der Mitte steht, um den wir uns jeden Tag versammeln zur Feier der hl. Messe. Offen für Menschen, die daran teilnehmen und dabei sein möchten. Dafür möchte ich einstehen. Anders allerdings kann ich mir Kloster nicht vorstellen.

Da ist das Ideal der Urgemeinde von Jerusalem, das immer schon Maßstab für das klösterliche Leben war und die frühen Zisterzienser stark inspiriert hat – im 2. Kapitel der Apostelgeschichte ist davon die Rede, direkt nach Himmelfahrt und Geistsendung an Pfingsten, also ganz am Anfang der Kirche. Die ersten Christen bildeten eine Gemeinschaft, heißt es da. Also nicht „jeder für sich und Gott für uns alle“, sondern eine echte, tiefe Verbundenheit untereinander. Sogar was den Besitz anging: Gütergemeinschaft also. Und da sind bestimmt nicht nur materielle Dinge gemeint – ich bezeichne das gern als „Leben teilen“ als Auftrag an uns im monastischen Leben. Von Einmütigkeit ist da die Rede, und die drückte sich vor allem beim Gottesdienst aus. Sie brachen miteinander das Brot, feierten das Herrenmahl in Freude und Einfalt des Herzens. Und das hatte Effekt, das war ein echtes Erfolgsrezept: „Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.“

Ja, dafür lohnt es sich, für eine solche Kirche und ein solches Kloster glaube ich, dass es Zukunft hat. Dafür möchte ich einstehen.

Predigtworte von Abt Johannes beim Sterbeamt für Altabt Bruno Fromme am 11. Mai 2017

Der Abschied von einem Menschen, der in unserem Leben bedeutsam geworden ist, lässt einen jeden von uns innehalten. Da geht es nicht einfach weiter im Text, sondern wir halten Rückschau auf sein Leben – und auf die Momente, wo er unser eigenes Leben berührt und geprägt hat. So geht es einem jeden von uns heute, wo wir miteinander Abschied nehmen von Abt Bruno, jedem anders, jedem auf seine Weise.

Ich habe in diesen Tagen des Abschieds nachgedacht über sein Leben hier in Himmerod, das mit der Geschichte dieses Klosters und seiner Entwicklung in nahezu 60 Jahren eng verbunden war.

Als Elmar Fromme 21jährig im Sommer 1959 in Himmerod eintrat, fand er noch einen starken Konvent vor – das muss beeindruckend gewesen sein. Aber ich möchte annehmen, dass diese Männer in Trauer waren. In Schockstarre sozusagen. Denn ein halbes Jahr vorher war Abt Vitus Recke gestorben, und dieser plötzliche Tod muss wie eine Bombe bei ihnen eingeschlagen haben. Und wo eine Bombe einschlägt, da wird die Mitte zerstört und alles fliegt auseinander. So schnell wird das nicht gegangen sein, aber ich bin tatsächlich der Überzeugung, dass mit dem Tod von Abt Vitus dieser Gemeinschaft die Mitte verloren gegangen ist und zentrifugale Kräfte stark wurden.

Abt Vitus hatte zum Gründungskonvent gehört, der 1919 die Ruine Himmerod kaufte und wieder mit zisterziensischem Leben erfüllte. Als der Konventbau wiedererrichtet wurde, war P. Vitus Prior von Abt Karl, er führte die stark gewachsene Gemeinschaft durch den Krieg und baute die Abteikirche wieder auf. Ein Pionier, ein echter Trappist, der diesen Konvent tief geprägt hat. Ich durfte noch einige Mitbrüder kennenlernen, die bei ihm in die Schule gegangen waren: P. Bernhard, P. Ludger, P. Pius. Br. Michael ist der letzte von ihnen, der noch da ist. Das muss wirklich ein guter Geist gewesen sein! Nach seinem Tod muss da eine große Leere entstanden sein, auf die jeder auf seine Weise reagiert haben wird.

In den 60er Jahren sind mehrere Patres ausgetreten oder aus dem Kloster ausgezogen, weil es für sie hier nicht mehr ging. Frater Bruno machte das Noviziat und setzte dann in Beuron seine Studien fort. So richtig wird ihm die Situation erst nach der Priesterweihe bewusst geworden sein, denn da war es für die beiden jungen Patres Bruno und Stephan schwer, hier ein Wirkungsfeld zu finden. P. Stephan hat damals ein eigenes Wirkungsfeld im Gästehaus entwickelt und hat Himmerod stark geöffnet, tausende von Menschen hat er im Lauf der Jahrzehnte hergezogen. Öffnung nach außen, seitdem nicht mehr wegzudenken für Himmerod. Aber die gemeinsame Mitte scheint man dadurch nicht wiedergefunden zu haben.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass der Hilferuf aus Brasilien da Musik in P. Brunos Ohren war. Und tatsächlich bewies sich ja, dass es richtig war, dass sich für ihn darin Gottes Willen zeigte. Denn in Itatinga konnte der junge Pater seine Begabungen und Fähigkeiten fruchtbar werden lassen für die Menschen seiner Pfarrei. Kein Wunder, dass diese 20 Jahre sehr glückliche Jahre für ihn waren.

Dennoch gehörte er ja weiterhin zum Konvent von Himmerod, und auch hier musste es weitergehen. Nach der Resignation von Abt Ambrosius wurde P. Bruno zu dessen Nachfolger gewählt. Vielleicht ist die äbtliche Würde erstmal recht verführerisch für den einen oder anderen. Aber spätestens wenn man in der Realität angekommen ist, verfliegt das manchmal sehr schnell.

Wenn es stimmt, dass die zentrifugalen Kräfte dieser Gemeinschaft bereits mehr als 30 Jahre wirksam waren, als Abt Bruno sein Amt antrat, dann hätte es schon einer starken und charismatischen Kraft bedurft, um die zerstreuten Schafe zu sammeln. Das ist leichter gesagt als getan – davon kann ich ein Lied singen. Aber gegen Windmühlen anzukämpfen ist auch nicht wirklich sinnvoll. Und die eigenen Erfahrungen können einen misstrauisch werden lassen, das führt dann Menschen nicht gerade zueinander.

Kräfte sinnlos zu verpulvern, das sollte man nicht tun, dafür ist das Leben zu kostbar. Sondern erkennen, was weiterführt. Abt Bruno war nicht ohne Grund in Himmerod eingetreten, und er war bestimmt auch bewusst und gerne nach Himmerod zurückgekehrt.

Denn dass dies in wunderbarer Ort ist, da sind wir uns wohl alle einig. Ein Ort, der das jahrhundertelange geistliche Leben der Zisterzienser in seinen Mauern stecken hat, der eine wahnsinnige Ausstrahlung hat, der Menschen einfach anzieht. Und einen solchen Ort gilt es zu erhalten, zu stärken, innen und außen. Und wenn es innen nicht klappt, dann kann es auch Sinn machen, das Äußere zu stärken. Weil es ja auch da um viele Menschen geht, die gerne herkommen und an Himmerod hängen. „Mein Herz schlägt für Himmerod“ – das haben ja immer wieder ganz viele Menschen bewiesen.

Abt Bruno hat so manche Initiative angestoßen. Die alte Mühle wurde unter seiner Regie zu einem wunderschönen Ort der Kultur und Kunst und zu einer Begegnungsstätte. Das Klosterareal wurde einladend neugestaltet, die Gaststätte wurde ausgebaut und renoviert, Parkplätze entstanden – alles Symbole, dass Abt Bruno ein offenes Kloster wollte, wo Menschen herkommen und sich wohl fühlen. Seine Leidenschaft galt der Kunst und der Geschichte, er mochte es wissenschaftlich und hat wertvolle Arbeit für die Erforschung der Geschichte Himmerods geleistet. Auch die weniger erfolgreichen wirtschaftlichen Aktivitäten gegen Ende seines Abbatiats waren zweifellos dem Versuch geschuldet, die Zukunft Himmerods zu sichern und auf gute ökonomische Füße zu stellen.

Was zählt am Ende, was bleibt über den Tod hinaus? Tatsächlich hat Abt Bruno in Himmerod tiefe Spuren eingezeichnet. Nach wie vor ist unser Kloster hoch geschätzt in Nah und Fern. Ganz viele Menschen wollen, dass es unbedingt weitergeht an diesem Ort. Das ist durchaus eine Frucht seines 20jährigen Abbatiats.

„Erfolg ist keiner der Namen Gottes“, so hat es der jüdische Philosoph Martin Buber gesagt. Der Wert unseres Lebens ist nicht an Erfolgszahlen abzulesen. Und tatsächlich steht unser Konvent schlechter da denn je: wir sind jetzt, nach Abt Brunos Tod, nur noch sechs feierliche Professen – heute ist Br. Michael erfreulicherweise ausnahmsweise unter uns, sonst ja im Pflegeheim. Die Mönche wieder um eine gemeinsame Mitte zu sammeln, ist keine leichte Aufgabe. Mir gelingt sie nicht, keineswegs. Abt Bruno wird das für sich nicht viel anders gesehen haben.

Da bleibt also am Ende der Ausblick nach vorne, der nur dann ein christlicher Blick ist, wenn er hoffnungsvoll ist. Weil er alles von Gott erwartet.

In den Erzählungen der Chassidim erzählt Martin Buber von Rabbi Jizchak: „Wenn einer Vorsteher wird, müssen alle nötigen Dingen dasein, ein Lehrhaus und Zimmer und Tisch und Stühle, und einer wird Verwalter, und einer wird Diener und so fort. Und dann kommt der böse Widersacher und reißt das innerste Pünktchen heraus, aber alles andere bleibt wie zuvor, und das Rad dreht sich weiter, nur das innerste Pünktchen fehlt.“ Der Rabbi hob die Stimme: „Aber Gott helfe uns: man darf´s nicht geschehen lassen!“

Die Mitte, das innerste Pünktchen, um das sich das Leben einer Klostergemeinschaft drehen muss, kann nur „Jesus Christus“ heißen. Nur um ihn darf sich mein Leben als Mönch drehen, sonst ist es lächerlich. Nur Er, Jesus Christus, kann unserem Leben, auch unserem Dasein als klösterlicher Gemeinschaft, Zukunft schenken. Nur er kann meine Zukunft sein, die über den Tod hinausreicht.

Möge Abt Bruno uns mit seiner Fürbitte helfen, uns um diese Mitte zu sammeln.

© Abt Dr. Johannes G. Müller OCist