FREI IST, WER WILL, WAS ER MUSS

Dieser Spruch findet sich auf dem Gelände von Kloster Steinfeld. Abiturienten haben ihn auf einen Stein geschrieben, sozusagen in Stein gemeißelt – und er gefällt mir. Ganz junge Menschen, die, wie man so sagt, das Leben noch vor sich haben, haben da eine tiefe Weisheit ins Wort gebracht.

Schon Kinder wissen, dass manches sein muss. Anders läuft es nicht. Man muss zur Schule, muss lernen. Wer ein Musikinstrument beherrschen möchte, muss lange üben. Und sportliche Leistungen fallen auch nicht vom Himmel: ohne hartes Training geht es nicht.

Wer eine Familie gründet und Kinder haben möchte, weiß darum, dass er jahrelang investieren muss und auf der Seite der Geber steht – ohne zu wissen, was er dafür mal zurück bekommt. Längst nicht jeder, der Kinder großgezogen hat, bekommt seine Liebe später erstattet. Geschenkte Liebe ist umsonst, aber manchmal erscheint sie einem auch wie vergebliche Mühe.

Im Klosterleben ist es nicht anders. Jeder von uns kommt freiwillig. Die Zeiten, dass junge Menschen von ihren Eltern gegen ihren Willen ins Kloster gesteckt wurden, sind schon lange vorbei. Und auch der Ehrfurchtszwang, das Klosterleben auszuhalten, um die Erwartungen der Familie oder des sozialen Umfeldes nicht zu enttäuschen, sind längst passé. Heute sagt kein Mensch mehr was, wenn jemand wieder aus dem Kloster austritt. Im Gegenteil: Viele fassen sich an den Kopf, wenn einer auf die Idee kommt, Mönch zu werden. „Alles in Ordnung bei Dir?“…

Ja, ich bin freiwillig Mönch geworden. Und ich bin sogar gerne ins Kloster eingetreten. Leidenschaftlich gerne. Das war meine große Sehnsucht. Ich bin endlich angekommen, war zuhause. Endlich so leben zu dürfen, wie es meinem inneren Streben und Sehnen entspricht, ohne damit aus dem Rahmen zu fallen. Weil das hier einfach normal ist. Wunderbar!

Dennoch heißt das natürlich nicht, dass ich das jeden Tag auch mit Begeisterung tue. Also dass ich immer Lust auf das habe, was so zum monastischen Alltag dazugehört. Und damit meine ich gar nicht die großen Grundentscheidungen dieser Lebensform in Besitzlosigkeit, Ehelosigkeit und Gehorsam. Sondern die vielen kleinen Dinge des Alltags, in denen sich diese Grundentscheidung buchstabiert. Letztendlich der Umgang mit meiner eigenen Armseligkeit und mit der Armseligkeit meiner Mitbrüder. Das ist nicht vergnügungssteuerpflichtig, darauf hat man oft genug einfach keinen Bock.

Der klösterliche Alltag mit seinen immer gleichen Abläufen lässt mich auch immer wieder auf diese Dinge stoßen, die ich eigentlich nicht mag. Vor denen ich gerne die Augen verschließen möchte. Die ich nicht wahrhaben möchte. Aber ich will dazu Ja sagen.

Ich möchte die Realität annehmen, wie sie ist. Meine eigene Realität in ihrer Gebrechlichkeit. Und die Realität der Menschen, mit denen ich lebe. Und will dem mit Barmherzigkeit begegnen. Nicht um mich von meinen und unseren Schwächen dominieren und terrorisieren zu lassen. Keineswegs. Sondern um mitten in der Erfahrung von Schwäche Erlösung zu erfahren. Frei werden zu dürfen von dem, was mich im Griff halten will. Fliegen lernen, wo ich an der Erde festklebe und alleine nicht weiterkomme. Ja sagen zu dem, was mich einengen will – und es gerade dadurch überwinden. Frei werden zur Hingabe an die Wirklichkeit, die Gott erlösen will.

Benedikt beschreibt in den letzten Sätzen des Prologs seiner Regel den Weg des Mönchs:
Wir wollen also eine Schule für den Dienst des Herrn einrichten. Bei dieser Gründung hoffen wir, nichts Hartes und nichts Schweres festzulegen. Sollte es jedoch aus wohlüberlegtem Grund etwas strenger zugehen, um Fehler zu bessern und die Liebe zu bewahren, dann lass dich nicht sofort von Angst verwirren und fliehe nicht vom Weg des Heils; er kann am Anfang nicht anders sein als eng. Wer aber im klösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit, und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes. Darum wollen wir uns seiner Unterweisung niemals entziehen und in seiner Lehre im Kloster ausharren bis zum Tod. Wenn wir so in Geduld an den Leiden Christi Anteil haben, dann dürfen wir auch mit ihm sein Reich erben.

Es geht darum, bei Gott in die Schule zu gehen, ein Leben lang. Mich befreien, mich erlösen zu lassen aus all meiner Enge und Armseligkeit. Wenn ich mich vom Herrn führen lasse, dann führt er mich in die Weite. Denn mit einem weiten und freien Herzen, das zur Hingabe fähig ist, findet das Leben eine tiefe Erfüllung und Freude.

Abt Johannes