Eintritte und Austritte…

Das vergangene Jahr war für unser Kloster Himmerod davon geprägt, dass uns Gott einerseits – nach längerer Pause – Männer geschickt hat, die sich zum Mönchsleben berufen fühlen und diese Lebensweise nun erproben. Und andererseits sind Mitbrüder ausgetreten, die diese Lebensform „an den Nagel gehängt“ haben, wie man so sagt. Das macht mich als Abt schon nachdenklich…

Wenn mich jemand fragt, warum ich ins Kloster gegangen bin, dann ist die Antwort für mich eindeutig: weil ich es nötig habe, weil ich das brauche. Ja, ich suche in der monastischen Gemeinschaft Hilfe und Unterstützung für meinen persönlichen Weg des Glaubens. Meine Weise zu Glauben möchte ich nicht alleine leben, sondern ich suche einen Ort, an dem ich das auch so leben darf, ohne mich rechtfertigen oder entschuldigen zu müssen, dass ich nicht „normal“ bin. Und ich suche die Solidarität von Weggefährten, die ganz ähnlich glauben und denken, also so ähnlich „ticken“ wie ich.

So hat jeder, der ins Kloster eintritt, seine ganz persönlichen Motive und Gründe. Jeder kommt, weil er etwas sucht, weil er auch etwas vermisst in seinem bisherigen Leben. Weil ihm bisher etwas gefehlt hat. Das Grundmotiv ist also immer ein Defizit, ein Mangel, wie ich es auch für mich selbst beschrieben habe.

Da kann es auch ganz andere Motive geben. Früher hat man gerne unterstellt, dass mancher aus enttäuschter Liebe ins Kloster gegangen ist. Weil man keine oder keinen abbekommen hat. Es wäre ein denkbar schlechtes Motiv! Wenn Enttäuschungen dazu führen, mich ins Kloster zu flüchten, dann ist das Fundament sehr wackelig. Denn zu allen Lebenserfahrungen, positiven wie negativen, gehören ja immer zwei Seiten. Und meine Seite nehme ich natürlich auch ins Kloster mit, also zum Beispiel meinen Anteil an gescheiterten Beziehungen und Freundschaften. Ich nehme meine charakterlichen Schwächen mit und auch religiöse Schwachpunkte. Das alles kann ich nicht an der Klosterpforte abgeben, sondern das geht mit hinein in den klösterlichen Alltag.

Kloster will unbedingt ein Sanatorium sein, eine Heilstätte – darüber habe ich bereits vorletztes Jahr einige Gedanken für die Leser der „ULF“ und vor allem für meine Mitbrüder niedergeschrieben. Kloster will uns Mönchen Wege aufzeigen, wie wir unsere Wunden und Verletzungen in Gottes Nähe heilen lassen können. Dann kann unser Leben, auch wenn es bisher nicht sonderlich großartig verlaufen ist, ein gelingendes Leben werden und somit auch ein Glaubens-Zeichen für andere Menschen.

Wenn ich mich allerdings nicht heilen lassen will, wenn ich mich also als therapieresistent erweise, dann wird Gottes Heilsangebot an mir abgleiten. Dann werde ich bald tief enttäuscht sein über die Schwächen und Unvollkommenheiten meiner Mitbrüder. Und dann wird mir die klösterliche Lebensweise und Ordnung nicht helfen zu einem erfüllten und zufriedenen Leben.

Unsere Profess zielt auf das ganze weitere Leben, also auf viele Jahre. Klosterleben soll dem einzelnen Mönch durchaus „was bringen“, ihn also zu einem guten und erfüllten Leben führen. Dazu lädt uns der Mönchsvater Benedikt im Prolog seiner Regel ein: ,Wenn du ein Mensch bist, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht, dann mach dich auf den Weg.‘ Und Benedikt weiß aus seiner Lebenserfahrung, dass der Weg des monastischen Lebens das Herz ganz weit machen kann und zu einer ganz tiefen Freude führen will.

Wunderbar, wenn das gelingt! Dann gerne für 50 Jahre und länger. Das wünscht sich jeder, das wünsche ich unseren neuen Brüdern von ganzem Herzen, dass Himmerod für sie der Ort tiefer menschlicher Erfüllung und Reifung wird. Und jedem Mitbruder wünsche ich, dass er nach einem erfüllten Leben sich an diesem Ort in Gottes Hand fallen lassen kann. Denn das ist die große Chance des Klosterlebens: dass ich in der Nähe des Herrn wohnen darf. ,Zeltbewohner in Gottes heiligem Zelt‘, wie Benedikt es formuliert.

Aber wenn jemand für sich erkennt, dass sein Leben unerfüllt bleibt, dann ist es nicht richtig, einfach nur weiterzumachen. Da muss ich zuerst immer an mir selber arbeiten, umkehren also, eine Kurskorrektur anbringen. Zum Beispiel erkennen, dass meine Erwartungen an das Kloster, an die Lebensweise, an die Mitbrüder unangemessen sind. Nein, die Mitbrüder können mich nicht erlösen! Und sie sind auch nicht schuld daran, wenn ich unerlöst lebe. Klosterleben will uns radikal auf Christus zurückwerfen, der unser einziger Grund und auch unser einziges Ziel sein möchte. Nur Jesus Christus kann meinem Leben Halt geben und es mit Sinn erfüllen. Das muss ich jeden Tag neu lernen.

Bleiben ist dann ein Akt des Glaubens und muss es auch sein. Nur zu bleiben, weil das bequemer ist, wäre ein Fehler. Wenn ich auf dem Weg des Glaubens nicht weiterkomme und das Kloster eher als Hindernis auf dem Weg der eigenen Menschwerdung und Christwerdung erlebe, ist es konsequent und richtig, andere Wege zu gehen. Dass auch die neuen Wege für sie Wege sind, die zu einer tieferen Erfüllung und letztlich zum Heil führen, ist mein Wunsch an die ausgetretenen Mitbrüder.

Abt Johannes