Das Kloster ist ein Sanatorium

Jesus beruft Menschen in seine Nachfolge. Und es erstaunt die „Frommen“ seiner Zeit, wo er seine Equipe einsammelt: Zöllner und Sünder sind nicht gerade die religiöse Elite des Judentums, da haben die Pharisäer wohl Recht. Aber Jesus scheint sich was dabei zu denken. Er ruft nicht Menschen, die schon gut auf dem Weg sind, sondern solche, die der Bekehrung bedürfen. „Kranke“ beruft er, die gesund werden wollen. Und die auf diesem Weg Hilfe brauchen. „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken“ (Mt 2,16-17).

Offensichtlich geht der Mönchsvater Benedikt von Nursia davon aus, dass der Herr Menschen gerade aus diesem Klientel auch zum Mönchtum beruft. Erstaunlicherweise zitiert er nämlich genau diese Schriftstelle, wenn es um das Verhalten des Abtes gegenüber solchen Mönchen geht, die sich verfehlt haben (RB 27,1). „Wie ein weiser Arzt“ muss der Abt sie behandeln und alles versuchen, um sie auf den „Weg des Heils“ (RB Prolog 48), der das klösterliche Leben für sie sein will, zurückzuführen. Benedikt empfiehlt verschiedene Heilmittel dazu. Es geht darum, dass der Bruder in seinem Fehlverhalten nicht verloren geht für den Weg des Heils, sondern vom Abt wie das verirrte Schaf zur Gemeinschaft zurückgeführt wird. Denn der Abt muss sich bewusst machen, „dass er die Sorge für gebrechliche Menschen übernommen hat, nicht die Gewaltherrschaft über gesunde“ (RB 27,6). Darum muss es ihm immer gehen: „Vor allem darf er über das Heil der ihm Anvertrauten nicht hinwegsehen“ (RB 2,33). Das ist wichtiger als der materielle Wohlstand des Klosters, und dafür muss er vor Gott Rechenschaft ablegen: ob kranke Menschen gesund geworden sind im klösterlichen Lebenswandel unter seiner geistlichen Leitung. Wenn es darum um Entscheidungen geht, soll der Abt den Rat der Brüder einholen und entscheiden nach dem Kriterium, „was er für heilsamer hält“ (RB 3,5). Darum geht es: um das Heil, den Weg des Heiles und des Heil-Werdens.

Wo aber ist Unheil angesiedelt im Leben der Mönchsgemeinschaft, die Benedikt da vor Augen hat und für die er seine Regel schreibt? Da sind gewiss konkrete Erfahrungen eines weisen Abtes, die deshalb Gültigkeit haben können für alle Zeiten, auch für die unsere.

Bei der Festlegung des Ablaufs des Chorgebets bestimmt Benedikt, dass der Abt am Ende von Laudes und Vesper das Herrengebet laut vorträgt. Und das deshalb, weil ihm besonders die Bitte um Vergebung am Herzen liegt. Ja weil es in der Gemeinschaft zumindest zwei Mal am Tag und vermutlich noch öfter Anlass zur Versöhnung gibt. „Ärgernisse, die wie Dornen verletzen“ (RB 13,12), kann man sich gut vorstellen – das sind keine zeitgebundenen Phänomene. Und da sind Menschen, die Anlass zu Ärgernissen geben, Mönche also, die ihre Mitbrüder Tag für Tag ärgern oder verletzen. Solche Leute sind ziemlich unerträglich, und niemand hat große Lust, mit ihnen zusammenzuleben und sich von ihnen ärgern zu lassen. Und doch ist es die Realität, die Benedikt bekannt ist. Der Mönchsvater will das sicher nicht rechtfertigen oder gar gutheißen. Aber wir müssen uns dieser Wirklichkeit stellen, sie anschauen, um damit umgehen zu lernen. Es geht darum, schreibt Benedikt, dass gerade diese „kranken“ Brüder, die Anlass zu Ärgernissen geben, durch das Hören der Vaterunser-Bitte „Vergib uns, wie auch wir vergeben“, sich durch dieses Wort gebunden wissen und „sich reinigen von solchen Fehlern“ (RB 13,13). Also nicht das Ertragen der unerträglichen Macken gewisser Mönche durch die „gesunden“ Brüder ist die Sinnspitze dieser täglichen Gebetsübung, sondern die Heilung der kranken Brüder von ihren Fehlern, die Tag für Tag das Gemeinschaftsleben belasten.

Es geht um Heilung, zumindest um Linderung dieser „Beschwerden“. Was ja zuerst mal bedeutet, dass ich mein Fehlverhalten, meine Charakterfehler erkenne und bereit bin, mich von Christus heilen zu lassen.

Benedikt schreibt über die „Unverbesserlichen“, die noch nicht an diesem Punkt angekommen sind. Da muss die Gemeinschaft Hilfestellung leisten, damit der „kranke Bruder“ seine Heilsbedürftigkeit und letztlich auch seine Erlösungsbedürftigkeit einsieht. Er muss begreifen, dass er zutiefst unheil ist, und sein Fehlverhalten darin begründet sehen. Vieles sind nicht die anderen schuld, auch nicht die Strukturen. Vieles liegt in mir selbst begründet. Sich da nicht weiter etwas vorzumachen, ist der „Weg des Heils“, der im Kloster beschritten werden kann. So kann das monastische Leben zum Ort der Heilung werden, zum Sanatorium.

Im 28. Kapitel seiner Regel gibt Benedikt Handlungsanweisungen für den Umgang mit Unverbesserlichen – immer in der Hoffnung, dass sie es nicht bleiben! Unverbesserliche sind solche, denen man es schon tausend Mal gesagt hat und die immer weiter machen mit ihrem unerträglichen Verhalten. Bestrafungen sind da für den Mönchsvater selbstverständliche Heilmittel, notfalls auch körperliche Züchtigung – wir sind da in Benedikts Gemeinschaft offenbar in recht rustikalem Umfeld. Bei Uneinsichtigen, wo also Worte vor die Wand geredet sind, legt der Mönchsvater durchaus Wert auf körperliche Strafen – immer aber mit der einen Sinnspitze: „Sie sollen dadurch geheilt werden“ (RB 30,3).

Wenn das aber alles nichts nützt und der Bruder sich einfach nichts sagen lässt, muss der Abt zum Arzt werden, „der es versteht, eigene und fremde Wunden zu heilen, ohne sie aufzudecken und bekannt zu machen“ (RB 46,6): Ermahnungen, Schriftworte, auch Bestrafungen dienen Benedikt als Heilmittel, ebenso sein persönliches Gebet und auch das der Gemeinschaft. Hier wird deutlich, dass die Sorge um schwierige Mitbrüder nicht allein Aufgabe des Abtes ist, sondern jedes einzelnen Mönchs. Und es ist die weise Erkenntnis, dass sich mein Verhältnis auch zu einem schwierigen Menschen verändert, wenn ich für ihn bete – statt vielleicht über ihn herzuziehen und ihn weiter zu auszugrenzen, nachdem er sich durch sein Fehlverhalten ja schon selbst isoliert. Die Mönche sollen darum beten, „dass der Herr, der alles vermag, ihm die Heilung schenkt“ (RB 28,5). Denn darum muss es doch gehen: dass er geheilt wird. Nicht nur, damit die Gemeinschaft ihre Ruhe hat von diesem Störenfried, sondern weil auch dieser Bruder nicht verloren gehen darf.

Meine Mutter hat in einem Sanatorium gearbeitet. Zu der Zeit wurde das von manchen als billiger Urlaub missbraucht; sie haben sich an nichts gehalten und gingen vermutlich auch nicht gesünder nach Hause. Heutzutage werden solche Patienten, wenn sie sich als therapieresistent erweisen, rausgeschmissen und müssen die Kosten des Aufenthalts selber tragen. Das fällt mir ein, wenn ich die letzten Verse von RB 28 lese. Denn in all seiner Güte und Großherzigkeit ist auch für den Mönchsvater Benedikt irgendwann das Maß voll und die Geduld am Ende. Da muss dann der unverbesserliche Bruder die Konsequenzen selber tragen. „Wenn er sich aber auch so nicht heilen lässt, dann erst setze der Abt das Messer zum Abschneiden an“ (RB 28,6). Da ist Benedikt knallhart: Er verlangt, dass dieser Bruder zu entlassen ist. Denn „ein räudiges Schaf soll nicht die ganze Herde anstecken“ (RB 28,7).

Aber das ist sozusagen der Super-Gau für ihn, das muss tunlichst vermieden werden. Weil alle Mönche das Heil erlangen sollen, ja müssen – darum sind sie doch ins Kloster gekommen. Und ein „geheilter“ Mönch ist dann einer, der sich im guten Eifer gemeinsam mit seinen Brüdern auf den Weg macht und das Ziel nicht aus den Augen verliert. „Ihre körperlichen und charakterlichen Schwächen sollen sie mit unerschöpflicher Geduld ertragen; … keiner achte auf das eigene Wohl, sondern mehr auf das des anderen; die Bruderliebe sollen sie einander selbstlos erweisen; … Er [Christus] führe uns gemeinsam zum ewigen Leben“ (RB 72, 5.7.8.12).

Abt Johannes